Partizipative Forschung

Studienformate an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis spielen zunehmend eine Rolle. Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich unterschiedliche Strömungen herausge­bildet. Im deutsch­sprachigen Raum wird in jüngster Zeit der Oberbegriff partizipative Forschung gewählt. Daneben existieren: Handlungsforschung, die aktivierende Sozialforsch­ung oder die Praxis­forschung. Im englischsprachigen Raum hingegen ist es der Oberbegriff (partizipative) action research oder self-reflective enquiry, practitioner enquiry, reflective analysis oder evidence-based practice.[1]

Im Mittelpunkt der partizipativen Forschung stehen die Menschen, Ansichten, Lern­prozesse sowie die individuelle/kollektive Selbstbefähigung. Es geht darum, soziale Realität zu verstehen und zu verändern. Kern ist die Lösung sozialer Pro­bleme durch For­schung. Forschungsfragen und Erkenntnisinteresse entwickeln sich in Über­einkunft von Wissenschaft und Praxis, so dass eine win-win-Situation entsteht. Konkret be­deutet dies, dass es keine Unterscheidung zwischen Forschungs- und Anwendungsphase gibt, sondern dass sie „stets nach Erkenntnis und Verbesserung der Praxis zugleich“ strebt.[2]

Je nach Ansatz verläuft die Zusammenarbeit über definierte Systemgrenzen hinaus und wird zu einem transdisziplinären Projekt, welches an mehr als zwei Systemschnittstellen an­docken kann.[3] Im Beispiel der vorliegenden Arbeit ist dies einerseits die Lebenswelt der Bürger sowie des Systems der Politik, der professionellen Katastrophenhelfer und der Wissenschaft.

Weiter werden die gesammelten Daten analysiert, wobei möglichst viele Beteiligte in den Re­flexions­prozess einbezogen werden, um deren Verständnis zur Sache zu er­fahren. Das Ver­stehen wird zur Grundlage einer neuen Handlungsstrategie, so dass Aktions­forsch­ungs­projekte mehrfach den charakteristischen Zyklus von Aktion und Reaktion (Handlung u. Re­flex­ion) durchlaufen, ehe mit der Veröffentlichung der Projektergebnisse ein (vorläufiges) Ende eintritt.[1]

 

1) Aktionsforschung/Action-Research

Die Grundsätze der Action-Research [2]

  • Forschungsfragen dienen konkreten gesellschaftlichen Bedürfnissen
  • Forschungsziel ist nicht die Generalisierbarkeit der Ergebnisse, sondern ihre Realitäts­haltigkeit/Praxis­relevanz sowie die Möglichkeit zu Veränderungen. Die neuen Gütekriterien lauten: Realitätshaltigkeit, Transparenz, Praxisrelevanz, Interaktion
  • Action Research verlangt keine Distanz zum Forschungsobjekt. Als Teil der Projekts ist der Einfluss sowohl von teilnehmender Beobachtung bis zu aktiver Interaktion möglich
  • Die Interaktionsformen zwischen den Forschern und den Teilnehmern, sind konstitutiv für den Verlauf des Forschungsprozesses und der beabsichtigten Veränderungen
  • Die Methoden müssen gegenüber ihrem Forschungsgegenstand angemessen sein
  • Durch die Beteiligung der Betroffenen im Feld und die wiederholte Rückkopplung von (Zwischen-)Ergebnissen an die TeilnehmerInnen/Betroffenen ergibt sich eine zyklische Verlaufsform: Planung – Handlung – Auswertung – Planung … (s. Abb. 2)
  • Forschungsergebnisse werden nicht isoliert gesehen, sondern prozessual mit Blick auf die reale Situation und damit Voraussetzung zur Weiterentwicklung derselben
  • Die Auswertung bezieht sich nicht primär auf die Verifikation oder Falsifikation einer zuvor aufgestellten Untersuchungshypothese, sondern auf die Analyse des gesamten Forschungsablaufs und seiner Interaktionen

 

Act+Reflect

Abb. 1: Schrittweises Voranschreiten in Handlungszyklen (In WEGENER, R., S. 169 nach H. ANNEN)
Die Lernprozesse der Aktionsforschung sind nach BÄCKER [3] auf vier Ebenen angelegt:

  1. Lernen setzt individuell und selbstreflektierend an.
  2. Die angestrebte Veränderung wird bereits durch die Forschenden in der reflexiven Phase ausgelöst, indem andere zur Selbstreflexion angeregt werden. Ein gemein­samer Lernprozess entsteht durch Diskussion der gesammelten Daten.
  3. Praktisches Wissen sowie praktische Theorie wird zusammengeführt, so dass ein (teil-)gesellschaftlicher Lernprozess entsteht. Vorausgesetzt, eine entsprechende Vernetzung besteht.
  4. Eine wissenschaftliche Gemeinschaft wird durch die ausführliche Dokumentation und der Veröffentlichung der Ergebnisse erreicht.

2) Praxisforschung und partizipative Evaluationsforschung

Nach UNGER bezeichnet der Begriff Praxisforschung [4] „verschiedene Formen der anwend­ungsorientierten Forschung, die Kooperationen von Fachkräften und Wissen­schaftler/innen beinhalten.“ Dabei unterscheidet sie die

  • Praxisforschung, in der Praxis angesiedelt, verfolgt jedoch rein wissenschaftliche Ziele
  • Evaluationsstudien die Formen der partizipativen Evaluationsforschung umfassen sowie
  • Aktionsforschung als engste Form der Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis


3) Community-basierte partizipative Forschung

Der Ansatz (Community-Based-Participatory Research, CBPR) entwickelte sich in den 90er Jahren in den USA und beteiligt neben Wissenschaft und Praxis die sog. lebensweltliche Ge­meinschaft (community). In und mit Communities werden Ursachen erforscht und Hand­lungs­strategien entwickelt. Die Hauptmerkmale sind:[5]

  • Wissenschaft, Praxis, Community sind von Beginn an gleichberechtigt
  • Alle Beteiligten gewinnen durch ausgewogenes Forschen und Handeln
  • Die Anerkennung der Community als sinnstiftende Einheit ist erfolgt
  • Genutzt werden Ressourcen und Stärken der Community
  • Allen Beteiligten wird Lernen und Kompetenzentwicklung ermöglicht
  • Vorgesehen sind längerfristige Prozesse und Bindungen
  • Ergebnisse sind allen zugänglich und Verwertungen erfolgen gemeinsam
  • Zyklische und iterative Prozesse entwickeln die gesellschaftlichen Strukturen weiter

Die zentrale Bedeutung liegt auf der individuellen, aber auch der kollektiven Selbstbe­fähigung (empowerment) und Kompetenzentwicklung (capacity building). Aus methodischer Sicht kann dieser Ansatz auf das gesamte Repertoire an qualitativen wie quantitativen Methoden zurückgreifen.

4) Der Ansatz der Interventionsforschung

Das Ziel der Interventionsforschung ist es – durch von Außenperspektiven angereichert – eine kollektive Selbstreflexion zu ermöglichen und Entscheidungen über die eigene Zukunfts­gestaltung und deren strukturierte Umsetzung zu ermöglichen.[6]

Historisch gesehen lässt sich eine interdisziplinäre Ausrichtung feststellen, die an jüngere Richt­ungen der Transdisziplinarität, also solche, die PraktikerInnen aus den Forschungsfeldern in die Forschung einbindet, anknüpft.[7] Parallelen bestehen zudem zu Ansätzen der Aktionsforschung, der Praxeologie sowie der eingreifenden Sozialwissenschaft – sofern diese auf Selbst­aufklärung durch Selbstreflexion ausgerichtet sind.[8]

Prozesse der Selbstaufklärung anzuregen gelingt umso besser, je genauer ein System über sich Bescheid weiß. Hier setzt die Interventionsforschung an, indem durch den metho­dischen Schritt der phänomenologischen Beschreibung Innenperspektiven als Ergebnis erhoben werden. In strukturierten Reflexionssettings – den sog. Rückkopplungsveran­staltungen – werden diese Ergebnisse mit den Forschungspartnern diskutiert.[9]

 

 

 

[1] vgl. BÄCKER et. al., S. 22 f.; UNGER, S. 10; WEGENER, S. 158

[2] vgl. HUSCHKE-RHEIN, R. (1987). Qualitative Forschungsmethoden und Handlungsforschung II. Köln: Rhein-Verlag;

UNGER, S. 15

[3] BÄCKER, S. 23

[4] UNGER, S. 22

[5] ebd. S. 30

[6] KRAINER, L., LERCHSTER, R., S. 1o

[7] ebd. S. 11 f

[8] ebd. S. 12

[9] ebd. S. 13

[1] vgl. BÄCKER et. al. S. 21; UNGER, S. 2

[2] vgl. BÄCKER et. al. S. 21; UKOWITZ, S. 76; UNGER, S. 1 f.

[3] UNGER, S. 2